Working Mom.

Es gibt keinen Begriff „Working Dad". Nie gegeben. Weil es selbstverständlich ist, dass Väter arbeiten. „Working Mom" hingegen ist ein Phänomen, eine Kategorie, manchmal eine Entschuldigung. Ich war fast 20 Jahre Grafikleitung in einem Verlag und weiß genau, was Verantwortung bedeutet. Heute fahre ich täglich 100 Kilometer für meine Kinder. Auf dem Papier bin ich „nicht berufstätig". Was das über uns alle sagt und warum es höchste Zeit ist, das laut zu sagen.

Working Mom.
Warum es diesen Begriff nur für Frauen gibt und was er verschweigt.

von Stefanie Oldhaver-Voigt

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Ich war Grafikleitung in einem Verlag. Verantwortlich für Teams, Deadlines, das visuelle Erscheinungsbild ganzer Publikationen. Ich kannte das Gefühl, wenn alles an einem hängt und ich kannte das Gefühl, wenn es funktioniert. Dann kamen Kinder. Dann zogen wir aufs Land. Und irgendwann, irgendwo zwischen Schulweg, Sporttraining, Gesprächen mit Lehrern, Arztterminen und den Nachmittagsfahrten zu Freunden – rund 100 Kilometer täglich – wurde aus der Grafikleitung eine „Mutter, die nebenbei arbeitet“.

Zumindest in den Augen einiger.

In der Realität organisiere ich täglich mehr als in vielen meiner früheren Berufsjahre. Ich plane, koordiniere, priorisiere, reagiere auf das Unerwartete. Ich bin Logistikerin, Krisenmanagerin, emotionale Anlaufstelle und strategische Denkerin. Für zwei Kinder, einen Haushalt und für die Arbeit die ich nebenbei mache. Nur heißt das nirgendwo so. Und bezahlt wird es nicht.

„Working Mom“ existiert als Begriff. „Working Dad“ nicht. Das ist kein sprachlicher Zufall, das ist eine gesellschaftliche Aussage.

Kein Karriereratgeber, kein Magazinartikel, keine Debatte widmet sich dem „Working Dad“ als eigenem Phänomen. Weil es selbstverständlich ist, dass Väter arbeiten. Immer war. Der Begriff „Working Mom“ hingegen trägt eine stille Frage in sich: Schaffst du das wirklich? Und eine noch stillere Annahme,  dass diese Kombination aus Kind und Beruf für Frauen erklärungsbedürftig ist. Außergewöhnlich. Bewundernswert vielleicht, aber eben nicht normal.

Dabei arbeiten nahezu alle Mütter, die ich kenne. Ununterbrochen. Nur eben nicht immer gegen Bezahlung.

Die Zahlen, die niemand sieht

Das Statistische Bundesamt hat 2024 nachgezählt. Frauen leisten pro Woche rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer, knapp 80 Minuten täglich, jeden Tag. Der sogenannte Gender Care Gap liegt bei 44 Prozent. Wenn man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammenrechnet, arbeiten Frauen insgesamt mehr als Männer. Sie bekommen dafür weniger Geld, weniger Rente, weniger gesellschaftliche Sichtbarkeit.

Bei Paaren mit Kindern unter sechs Jahren verbringen Frauen fast dreimal so viel Zeit mit Hausarbeit wie ihre Partner. Und in Deutschland wechseln nach dem ersten Kind 22 Prozent mehr Mütter in Teilzeit als im europäischen Durchschnitt. Wer einmal die Hauptzuständigkeit übernimmt, behält sie. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und ich kenne es aus den Gesprächen mit Freundinnen, die das genauso beschreiben, ob sie nun Architektin waren, Lehrerin oder Unternehmensberaterin.

Gender Care Gap: 44 % mehr unbezahlte Arbeit leisten Frauen täglich
Mental Load: 63 % der Mütter tragen den Familienalltag allein
Vollzeit-Mütter: 57 % tragen trotz Vollzeitjob die Hauptlast der Planung

Quellen: Statistisches Bundesamt 2024 / hkk Krankenkasse / forsa 2025

Die Arbeit, die nicht aufhört

Forscherinnen nennen es Mental Load: die permanente Hintergrundaufgabe, an alles zu denken. An den Arzttermin nächste Woche. Dass die Sportschuhe zu klein werden. Dass das Schulprojekt bis Freitag fertig sein muss. Ich kenne diesen Strom. Er reißt nicht ab, nicht beim Abendessen, nicht am Wochenende, nicht im Urlaub. 62 Prozent der Mütter empfinden diese unsichtbare Last laut einer aktuellen Studie als stark belastend. Bei Vätern sind es 31 Prozent.

Als ich noch Grafikleitung war, trug ich auch diese Gesamtverantwortung, nur dass sie damals einen Namen hatte, einen Titel und ein Gehalt. Heute ist die Verantwortung dieselbe. Die Sichtbarkeit nicht.

Was andere Länder daraus machen

Im Englischen hat man es mit „Domestic Engineer“ versucht. Hausfrau als Ingenieurin des Alltags. Der Gedanke ist gut, das Ergebnis ist Augenwischerei: Ein neues Wort ändert nichts an der fehlenden Anerkennung dahinter.

In Japan gibt es die „sengyō shufu“, die professionelle Hausfrau. Ihr Status ist kulturell verankert, ihr Beitrag gesellschaftlich anerkannt. Das ist nicht das Modell, das ich mir für uns wünsche. Aber der Kern des Gedankens, dass Familienarbeit eine ernsthafte Qualifikation ist und keine Selbstverständlichkeit, der fehlt in Deutschland bis heute.

Schweden ist in dieser Frage gut 40 Jahre weiter. Nicht weil schwedische Männer von Natur aus fürsorglicher sind, sondern weil der Staat seit den 1970er Jahren strukturell dafür gesorgt hat, dass Familienarbeit sichtbar, teilbar und politisch adressierbar ist. Deutschland hat dieses Bewusstseinsniveau laut aktuellen Studien etwa im Jahr 2020 erreicht. Vier Jahrzehnte später.

Es gibt keine arbeitslosen Mütter

Ich bin nicht arbeitslos. Ich bin anders beschäftigt. Und ich kenne keine einzige Mutter, die wirklich nichts tut. Was ich kenne, sind Frauen, deren Arbeit in keiner Statistik auftaucht, weil sie nicht auf ein Konto eingezahlt wird. Die täglich 100 Kilometer fahren, damit ihre Kinder zur Schule, zum Sport, zu Freunden kommen. Die nachts an den Schulranzen denken. Die wissen, was im Kühlschrank fehlt, wann der nächste Zahnarzttermin ist und welches Kind gerade Kummer hat.

Ich habe meine Kompetenz nicht verloren, als ich aufgehört habe, Grafikleitung zu sein. Ich habe sie verlagert. In einen Bereich ohne Gehaltsabrechnung, ohne Beförderung, ohne LinkedIn-Eintrag. Und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, ist es der Bereich, der alles andere erst möglich macht.

Mein Mann weiß, was das wert ist. Das ändert trotzdem nichts daran, dass die Gesellschaft es nicht so wahrnimmt.

Solange wir Arbeit nur zählen, wenn jemand dafür bezahlt wird, übersehen wir die Hälfte aller geleisteten Arbeit systematisch. Und wir wissen, wessen Hälfte das ist.

„Working Mom“ ist kein Kompliment. Es ist die Beschreibung eines Zustands, den Männer nie erklären müssen. Der erste Schritt wäre, das endlich laut zu sagen.

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Quellen: Statistisches Bundesamt, Zeitverwendungserhebung 2022 ·
Hans-Böckler-Stiftung / WSI · hkk Krankenkasse / forsa, 2025 ·
bpb Sozialbericht 2024

Über die Autorin
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Steffi Oldhaver-Voigt ist ausgebildete Grafikerin und war fast 20 Jahre lang Grafikleitung in einem Verlag. Heute arbeitet sie freiberuflich als Grafikerin. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Kindern, Pferden, Katzen, einem Hund und Hühnern auf dem Land. Und fährt täglich rund 100 Kilometer.

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